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Die Ruine des Roten Schlosses

Rotes Schloß

Bei den ersten Beurkundungen der Burg Waldstein im 14. Jahrhundert lässt es sich zunächst nicht unterscheiden, ob sie sich auf die Ostburg am Schüsselfelsen, das Rote Schloß oder auf beide Befestigungen beziehen.


Am 7. März 1323 belehnte König Ludwig der Bayer die Brüder Eberhard und Ulrich von Bindlach mit einem Drittel der Stadt Münchberg, mit Sparneck, Zell, Mechlenreuth, Schweinsbach, Gottersdorf, Wulmersreuth, Bug, Ahornberg, Weißlenreuth und Waldstein (Walstein) mitsamt den dazugehörigen Wäldern, Gerichten, Wildbann und anderen Rechten. Diese Übertragung geschah auf Wunsch Johanns von Sparneck, der diesen Besitz durch die Vermittlung Konrads, des reichen Heinzen Sohn zu Nürnberg, dem Reiche aufgegeben hatte.


Aus dieser im Original nicht mehr vorhandenen und noch dazu im Text recht unklar überlieferten Urkunde wurden verschiedene Schlüsse gezogen. Einige Forscher wollen in der Burg Waldstein und den aufgezählten Ortschaften Eigengüter (Allode) der Herren von Sparneck sehen, die sie erst im beginnenden 14. Jahrhundert zum besseren Schutz gegen beutelüsterne und mächtigere Nachbarn dem Reiche aufgetragen haben. Nach anderer Ansicht sollen diese Besitzungen seit jeher Reichslehen gewesen sein, über die allerdings die Herren von Sparneck im ausgehenden 13. und im noch nicht beginnenden 14. Jahrhundert wie über Eigengut verfügt hätten. Diese Machtvollkommenheit wäre durch das Doppelkönigtum und das Interregnum (1250-1273), eine Periode ohnmächtiger Schwäche und innerer Zerrissenheit des Reiches, ermöglicht worden.


Seitdem aber das deutsche Königtum mit Rudolf von Habsburg wieder erstarkte, zeichnete sich deutlich der Wille ab, das während des Interregnums verlorene Reichsgut zurückzugewinnen. Auch die Herren von Sparneck, die seither ihre Reichslehen fast als Allode betrachtet oder sie gar schon von den Walpoten "allodifiziert" übernommen hatten, dürften nicht in der Lage gewesen sein, dem Versuch, das Königsgut zurückzuholen, einen dauernden Widerstand entgegenzusetzen.


Auch eine neuere dritte Darstellung, die für die Burgen Waldstein und Sparneck zutreffen und die immerhin unklaren Besitzverhältnisse der Herren von Sparneck erklären soll, hat manches für sich. Ihr zufolge hätten gegen Ende des 11. Jahrhunderts die Dipoldinger, die als Markgrafen den Nordgau, also das Chamer Land und das Egerland verwalteten, vom Kaiser die "dicio" über das an der oberen Saale gelegene und nur dünne besiedelte Regnitzland mit dem Auftrag erhalten, dort den weiteren Ausbau voranzutreiben. Die "dicio" umfaßte die gesamte Verfügungsgewalt, die hohe Gerichtsbarkeit und alle grundherrlichen Rechte. "Der Kaiser behielt sich nichts im Gau vor, keine Burg, keine Einsetzungen von Burgmannen." Der mit der "dicio" begabte Herr konnte im Gau seine eigenen Dienstleute verwenden. Das für das Reich noch zu erschließende Gebiet wurde dabei dem "Kolonisator", in unserem Falle dem Geschlecht der Dipoldinger, als "eine Art von ihm zu sicherndes Allodialland zugesprochen." Die Dipoldinger brachten ihre Dienstmannen aus dem Nordgau ins Regnitzland mit, die dort neue Stammsitze wie Waldstein, Sparnberg und Sparneck bezogen. Das Regnitzland mit den darin erbauten Burgen war demnach kein Reichslehen, sondern eine Sonderform des Eigenbesitzes.


Erst später, als sich die Ansichten geändert und die Machtverhältnisse verschoben hatten, waren die Inhaber dieser Burgen klug genug, sie und ihren Besitz dem Reiche zu Lehen aufzutragen. Nur so konnten sie der drohenden Einziehung ihrer Sitze und Güter durch die Reichsgewalt entgehen. Diese Absicht könnte man der Urkunde vom 7. März 1323 ohne weiteres unterlegen. Es ist hier nicht der Platz, das Für und Wider dieser immerhin annehmbaren Auslegung der damaligen Verhältnisse zu erörtern.


Wie immer es gewesen sein mag: die Gebrüder von Bindlach können den Waldstein nicht lange besessen haben. Wahrscheinlich hatte es sich nur um eine jener kurzfristigen Verpfändungen gehandelt, wie sie damals gang und gäbe waren, wenn man schnell Geld für andere Zwecke brauchte. Die Burg Waldstein blieb auch fernerhin einer der Stammsitze der von Sparneck.


Am 2. Mai 1356 beurkundete Rüdiger von Sparneck in Prag, dass er Kaiser Karl IV. in seiner Eigenschaft als König von Böhmen neben Schönbach, Stein, Wallhof und vielen anderen egerländischen Orten auch "die Vesten Waldstein" mit allen dazugehörigen Dörfern auftrug. Er erhielt sie gleichzeitig als Mannlehen der böhmischen Krone zurück.

Karl IV. baute damals gerade sein "neuböhmisches Reich" auf, wobei ihm der sparnecksche Besitz auf und vor dem Waldstein sehr gut in seine machtpolitischen Pläne gepaßt haben mag. Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erscheint die erst viel später „Rotes Schloß“ genannte jüngere Waldsteinburg als böhmisches Kronlehen. Die auf dieser Burg haftende Gerichtsbarkeit blieb jedoch stets Reichslehen. Am 24. Juni 1405 ernannte Graf Günther von Schwarzburg, der Statthalter König Wenzels im Vogtland, Erhard von Sparneck zum Hauptmann über das östlich von Hof gelegene Schloß Gattendorf. Als Gegenleistung versprach Erhard, daß „seine Häuser Sparneck und Waldstein, auch Gattendorf, wo er es zu Erbe erlangete“, den Grafen von Schwarzburg „in ihren Nöten und Geschäften zum schutz und Gegenwehr offen sein sollten wider männiglichen“. Diese „Öffnung“ bedeutete im Gegensatz zum „Gewarten“, daß der Sparnecker in Krisen- und Kriegszeiten in den genannten Burgen eine Besatzung der Grafen von Schwarzberg dulden musste.


Beim Einfall der Hussiten, die über Plauen und Hof kommend Ende Januar oder Februar 1430 die Stadt Münchberg erreichten und niederbrannten, dürfte das Schloß Waldstein nicht ungeschoren davongekommen sein. Die Hussiten werden die Burgen der Sparnecker schon deshalb nicht geschont haben, weil sich Hans von Sparneck und sein Sohn Arnold unter den Adeligen befanden, die sich auf Geheiß des Markgrafen Friedrich bei Hof der böhmischen Vorhut entgegengeworfen hatten. Bei diesem Gefecht hatte Arnold sein Pferd eingebüßt, wofür er vom Markgrafen mit 20 Gulden entschädigt wurde. Die damals auf dem Waldstein angerichteten Schäden scheinen bald wieder beseitigt worden zu sein.

Bereits am 27. Juli 1437 verlieh Kaiser Sigismund dem Rüdiger von Sparneck und seinem Bruder Fritz die böhmischen Lehen mit den Schlössern Sparneck und Waldstein, außerdem die Reichslehen, nämlich das Halsgericht und den Bann zu Sparneck und Waldstein.


Für die folgenden Jahre liegen bis zur endgültigen Vernichtung der Burg Waldstein im Jahre 1523 noch nachstehende Lehenbriefe vor:


a) Vom 11. April 1439 für Rüdiger und Fritz von Sparneck über die böhmischen und Reichslehen von Kaiser Albrecht,

b) vom 18. September 1444 für Rüdiger und Fritz von Sparneck über das Halsgericht und den Blutbann zu Waldstein und Sparneck von König Friedrich III. (Reichslehen),

c) vom 11. April 1459 für die Brüder Rüdiger und Fritz von Sparneck über das Schloß Waldstein und die übrigen böhmischen Lehen von Georg, König von Böhmen,

d) vom 24. August 1477 für Fritz von Sparneck und seinen Sohn Christoph über ihre böhmischen Lehen mit dem Schloß Waldstein von Wladislaus, König zu Böhmen, und

e) vom 18. Mai 1510 für Wolf von Sparneck und seine unmündigen Brüder Hans, Augustin und Christoph über das Halsgericht und den Blutbann zu Waldstein und Sparneck von Kaiser Maximilian I.


Im Sommer 1523 wurde das Schloß Waldsein zusammen mit 22 anderen Adelssitzen auf dem Odenwald und in Franken gesprengt und eingeäschert. Diese Zerstörung des Roten Schlosses hing mit der zwischen 1520 und 1528 erbittert und mit vielem Blutvergießen geführten Fehde des Hans Thomas von Absberg gegen die Grafen von Öttingen, den Schwäbischen Bund und insbesondere gegen Nürnberg und andere Reichsstädte zusammen. Der berüchtigte Absberger überfiel Bürger der Reichsstädte und Bundesangehörige, beraubte sie, hielt sie auf den Burgen seiner Helfershelfer gefangen, um hohe Lösegelder zu erpressen und schreckte auch vor Mord und Totschlag nicht zurück. Besonders gefürchtet war sein Handabhauen, womit er einige seiner Gefangenen auf Lebenszeit vestümmelte.


Der 1488 in Esslingen zur ewigen Sicherung des Landfriedens gegründete Schwäbische Bund, eine Vereinigung der Reichsstände Schwabens und Frankens, versuchte mit allen Mitteln, dem Absberger sein räuberisches Handwerk zu legen und ihn in seine Gewalt zu bekommen. Aber immer wieder konnte sich dieser dank der mehr oder weniger freiwilligen Hilfe vieler adeliger Verbündeter in Franken, im Vogtland und in Böhmen dem Zugriff des Bundes entziehen.


Zu denen, die dem Absberger einigemale Unterschlupf boten und seine Gefangenen in ihren Sitzen verwahrten, gehörten auch die Herren von Sparneck aus den Häusern Gattendorf, Weißdorf, Sparneck und Waldstein. Vor allem schmachteten drei Gefangene des Hans Thomas von Absberg längere Zeit im Burgverlies des Roten Schlosses. Alle drei konnten jedoch aus ihrem Gefängnis entfliehen, wobei die Akten verschweigen, wie dies möglich gewesen ist.


Am 18. März 1523 beschloss der Schwäbische Bund in Ulm, ein Heer aufzustellen und die Burgen, in denen der Absberger und seine Kumpane bisher Unterschlupf und Hilfe gefunden hatten, dem Erdboden gleichzumachen. Am 16. Juni 1523 setzte sich das Bundesheer von Dinkelsbühl aus gegen die „Raubnester“ in Marsch. Es hatte strikten Befehl, auch die sparneckschen Schlösser Waldstein, Uprode, Gattendorf, Sparneck und Weißdorf „zu zerreißen, verbrennen und abzutun“ und die dazugehörigen Güter für den Bund zu beschlagnahmen.


Nachdem zuerst die Landfriedensbrecher auf dem Odenwald bestraft worden waren, rückte der Heerwurm gegen das „Gebirge“ vor. Am 8. Juli 1523 traf das Heer in Sparneck ein und schlug dort für einige Tage sein Lager auf. Während die Schlösser Gattendorf und Sparneck am 10. Juli brennend in sich zusammenstürzten, ereilte die Burgen Uprode und Waldstein einen Tag später das gleiche Schicksal. Weißdorf ging am 12. Juli in Flammen auf. „Waltstein, ein Schloß der Sparnecker, darauf die Gefangenen gelegen und selbst ausgekommen sind durch die Hilfe des Allmächtigen“, wurde von den Truppen des Schwäbischen Bundes unter dem Befehl des Hauptmann Wolf von Freiberg zerstört; das Burgverlies wurde mit Pulver gesprengt. In wenigen Stunden hatte die feurige Lohe verzehrt, was jahrhundertelang den Stürmen der Zeit getrotzt hatte.


Das Rote Schloß wurde nicht wieder aufgebaut. Es blieb in seinen Trümmern liegen und verfiel mehr und mehr. Allerdings ist die Burg Waldstein deswegen nicht aus den Geschichtsquellen verschwunden.


Schon am 11. Mai 1528 begabte Ferdinand I., König von Ungarn, Böhmen usw. Fritz von Sparneck zu Hallerstein, dessen Sohn Christoph und andere seine unmündigen Vettern mit den böhmischen Lehen, darunter auch mit dem „Sloss Waldtstein“. Mit ihren Reichslehen dagegen war den Sparneckern ein folgenschweres Versehen unterlaufen. Sie hatten es nämlich versäumt, sie von Kaiser Karl V. rechtzeitig zu muten. Dieser zog die Reichslehen als „verschiegen, unempfangen und heimgefallen“ ein und vergab sie anderweitig, zuletzt 1550 an den Lehrer der Rechten und Beisitzer am kaiserlichen Kammergericht, Dr. Konrad Heckmann, und den Sekretär Christoph Pyramius. Diese verkauften alles an den kaiserlichen Rat Christoph Haller von Hallerstein, der 1556 bzw. 1559 damit belehnt wurde. Der tief verschuldete Christoph Philipp von Sparneck verkaufte 1550 neben anderen Besitzungen und Rechten auch seine „eingegangenen und zerbrochenen Häuser“ Sparneck und Waldstein mitsamt Stockenroth als böhmische Kronlehen um 21.910 Gulden 2 ½ Ort 15 Pfennig an den Markgrafen Albrecht Alcibiades. Dieser konnte anscheinend die Belehnung mit diesen Neuerwerbungen von der böhmischen Krone nicht erlangen. Er stürzte zudem sein Land bald darauf in einen verderblichen Krieg und musste nach einer totalen Niederlage schließlich landflüchtig werden.


Seine Feinde besetzten 1533 die Markgrafschaft Brandenburg-Kulmbach. Ferdinand, König von Böhmen, belieh dann 1557 Christoph Haller von Hallerstein mit den heimgefallenen böhmischen Besitzungen Waldstein, Sparneck und Stockenroth und den dazugehörigen Dörfern. Dieser veräußerte schon 1563 alle seine Reichs- und böhmischen Lehen im Münchberger Land, darunter die Ruinen der Schlösser Sparneck und Waldstein mitsamt der darauf ruhenden Hochgerichtsbarkeit, um 15.000 Taler an den Markgrafen Georg Friedrich.


So war nun das wüst liegende Schloß Waldstein mit den Wäldern ringsum Staatseigentum geworden.


Auch die Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach bzw. -Bayreuth ließen sich über die ehemaligen sparneckischen Reichs- und böhmischen Lehen in der Folge von den deutschen Kaisern und den Böhmenkönigen noch 20 Lehensbriefe ausstellen. Die ersten beiden stammen vom 6. April und 8. Mai 1566, der letzte wurde am 24. November 1785 von Kaiser Joseph II. für den Markgrafen Christian Friedrich Karl Alexander ausgefertigt. In diesen Urkunden werden immer wieder das „zerbrochene und eingegangene“ Schloß Waldstein und die darauf ruhende Halsgerichtsbarkeit aufgeführt.


Mit der Vernichtung des Roten Schlosses war eine vielhundertjährige Besiedlung des Waldsteingipfels beendigt worden. Die Sage bemächtigte sich des Berges. Spuken sollte es dort rings um das „alte Raubschloß“, wie es in Verkennung der Tatsachen fortan bezeichnet wurde. Man mied diese unheimliche Gegend, wo man nur konnte.

In der Wartordnung vom 9. Dezember 1663 ist der Waldstein nicht vergessen worden. Dort sind 22 Objekte -„alte Schlösser, Türme und Warten“- verzeichnet, die im Fürstentum oberhalb Gebirgs bei drohender Kriegsgefahr innerhalb einer Stunde besetzt und wo bei einem feindlichen Einfall weithin sichtbare Feuersignale abgebrannt werden konnten. Neben den Ruinen Rudolfstein, Epprechtstein und Hirschstein findet man darunter auch „das alte Schloß Waldstein ..., darauf in die Festung Plassenburg gesehen, ja auch die Gegend Hof, Münchberg, stockenroth und Weißenstadt um und um in Augenschein genommen werden kann“.


Nach dem Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges (1701 - 1714) befürchtete man einen bayerisch-französischen Angriff gegen die Markgrafschaft Bayreuth. Der kaiser- und reichstreue Markgraf Christian Ernst ließ deswegen auf den in der Wartordnung von 1663 aufgezählten Plätzen „Lärmfeuer“ vorbereiten und Wachen einrichten, um die Annäherung feindlicher Truppen rechtzeitig erkennen zu können. Dies geschah auch auf dem Waldstein. Um die Wächter wenigstens vor den ärgsten Wetterunbilden zu schützen, brachte man das Torhaus des Roten Schlosses wieder unter Dach. Außerdem wurde ein Brunnen ausgeschachtet. Die Arbeiten zogen sich vom November 1702 bis März 1703 hin.

Das weithin sichtbare rote Ziegeldach, das damals dem hohen Torhaus der Burgruine Waldstein aufgesetzt worden war, scheint erst der Anlass gewesen zu sein, daß man die Ruine fortan im Volksmund als Rotes Schloß bezeichnete. Dieser Name läßt sich vorher weder in amtlichen Unterlagen noch in der älteren Literatur nachweisen.


Der erste, bei dem man die Bezeichnung „Rotes Schloß“ findet, ist der Hofer Gymnasialdirektor Helfrecht im Jahre 1795. Dort heißt es: „Der Waldstein, den man auch das rote Schloß nannte“. Da seine für unsere Heimat bahnbrechenden Veröffentlichungen allen nachfolgenden Schriftstellern, die über den Waldstein und das Fichtelgebirge schrieben, als Grundlage dienten, hat der Name „Rotes Schloß“ rasch Eingang in lokale Literatur gefunden und sich durchgesetzt.


(Karl Dietel)

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